Lektürekreis
TextLab Islam — Hermeneutik
TextLab Islam — Hermeneutik ist ein interdisziplinärer Lektürekreis der Professur für Islamische Theologie am Institut für Islamisch-Theologische Studien (IITS) der Universität Wien unter der Leitung von Prof. Dr. Tuğrul Kurt. Zugleich ist er Teil von TextLab Islam, dem wissenschaftlichen Podcast- und Transferformat der Professur.
Der Lektürekreis widmet sich der Frage, wie Texte verstanden, interpretiert und wissenschaftlich erschlossen werden können. Im Mittelpunkt stehen hermeneutische Grundfragen sowie ihre Bedeutung für die Islamischen Textwissenschaften und die Analyse religiöser Quellen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Islamischen Textwissenschaften von der systematischen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Traditionen des Verstehens und Interpretierens profitieren.
Philosophische Hermeneutik, jüdische und christliche Auslegungstraditionen, Bibelhermeneutik, Religionswissenschaft, Islamwissenschaft, historische Forschung sowie philologische und textwissenschaftliche Zugänge werden dabei nicht als isolierte Wissensbereiche, sondern als Perspektiven verstanden, die neue Zugänge zur Analyse religiöser Quellen eröffnen können. Der Lektürekreis verfolgt einen komparativen und interdisziplinären Ansatz.
Zur Bestimmung der Hermeneutik
Hermeneutik wird im Lektürekreis nicht allein als Theorie der Interpretation verstanden, sondern als Reflexion der Bedingungen, Voraussetzungen und Grenzen wissenschaftlicher Erschließungsprozesse. Damit ist eine methodologisch bedeutsame Entscheidung verbunden: Hermeneutik gibt nicht die Antwort auf die Frage „wie interpretieren wir einen Text", sondern hält die Frage offen, unter welchen Bedingungen Interpretation überhaupt möglich wird.
Für die Islamischen Textwissenschaften ergibt sich daraus folgende Bedeutung: Die Lektüre religiöser Quellen berührt notwendig grundlegende Fragen nach Sprache, Bedeutung, Historizität, Normativität, Autorität, Überlieferung und Interpretation. Diese Fragen sind nicht ausschließlich innerhalb muslimischer Diskurse zentral, sondern bilden Grundprobleme zahlreicher wissenschaftlicher Verstehenstraditionen. Hermeneutik fungiert daher nicht als disziplinäres Instrument, sondern als gemeinsamer Reflexionsboden für das wissenschaftliche Verhältnis zu religiösen Quellen.
Wie wir lesen — vier Hinweise
Verstehenstraditionen werden im Lektürekreis nicht als voneinander isoliert behandelt, sondern als Perspektiven, die neue Zugänge zu religiösen Quellen eröffnen. Dies gibt auch der Art und Weise, wie wir philosophische Texte lesen, eine Richtung. Vier Hinweise sind dabei zu beachten:
Begriffsgeschichte — Jeder Begriff sollte in seinem historischen Werdegang gelesen werden. Gegen welche Alternative und zur Lösung welches Problems ein Begriff entwickelt wurde, gehört zu seiner Bedeutung.
Argument vor Etikett — Ein Begriff lässt sich durch eine knappe Zusammenfassung übersetzen; die Zusammenfassung macht ihn jedoch arbeitsunfähig. Im Sinne der Zielsetzung des Lektürekreises ist der argumentativen Struktur des Begriffs zu folgen.
Innere Spannungen — Jede philosophische Tradition kennt interne Spannungen, und diese sind kein nachträglich hinzugefügter Disput, sondern struktureller Bestandteil des Denkens. Diese Spannungen sichtbar zu machen, gehört zur Lesemethode.
Übertragbarkeit als Frage — Die Fruchtbarkeit eines philosophischen Begriffs für die Islamischen Textwissenschaften darf nicht vorausgesetzt, sondern muss erfragt werden. In welchen Grenzen ein Begriff übertragbar ist und an welchem Punkt er sich einer anderen Begrifflichkeit öffnet — diese Frage ist selbst Teil der Lektüre.
Aufbau des Programms
Die Anordnung des Wochenplans folgt einer doppelten Linie. Die ersten acht Sitzungen rekonstruieren die Begründung und die innere Kritik der philosophischen Hermeneutik von Spinoza bis Benjamin, wobei jede Sitzung sowohl auf die christliche Bibelhermeneutik, aus der die philosophische Hermeneutik historisch hervorgeht, als auch auf die koranische Exegese bezogen wird. Die letzten beiden Sitzungen wenden sich genuin islamischen Hermeneutiken der Moderne zu, die ihrerseits in Auseinandersetzung mit genau dieser philosophischen Tradition entstanden sind, sodass sich der Kreis schließt.
Gadamer erhält, seiner zentralen Stellung entsprechend, zwei Sitzungen; Bettis Gegenposition wird nicht in einer eigenen Sitzung, sondern als Streitgespräch innerhalb der zweiten Gadamer-Sitzung gelesen. Foucault und Benjamin behalten je zwei Sitzungen, da ihr Denken jeweils eine innere Bewegung vollzieht, die selbst Gegenstand der Lektüre ist.
Wochenplan — Figuren und Texte
Text: Tractatus theologico-politicus, Kapitel 7 (Von der Auslegung der Schrift)
Leitfrage: Was bedeutet es, die Schrift allein aus sich selbst (ex ipsius historia) auszulegen, ohne Rückgriff auf eine ihr äußerliche Vernunft oder Autorität, und welchen Preis hat diese methodische Selbstbeschränkung?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Spinozas Trennung von Vernunftwahrheit und Schriftsinn als Gründungsmoment einer historisch-kritischen Bibelhermeneutik, gelesen im Vergleich zur klassischen Unterscheidung von ẓāhir und bāṭin im Koran sowie zur Frage, ob ein analoger Schnitt zwischen historischem und normativem Sinn im Koran überhaupt sachgemäß ist.
Text: Hermeneutik und Kritik (hg. Manfred Frank, Suhrkamp), Auszüge zur Unterscheidung von grammatischer und psychologischer (technischer) Auslegung sowie zum hermeneutischen Zirkel.
Leitfrage: Wo setzt Auslegung an, beim Wort und seiner Sprachregel oder bei der individuellen Geistestätigkeit des Autors, und lässt sich beides ohne Hierarchie zusammendenken?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Vergleich mit Schleiermachers eigener neutestamentlicher Hermeneutik (Lukas-Vorlesung) als Brücke zur Bibelhermeneutik, sowie mit dem Verhältnis von lugawī-sprachlicher Auslegung und Autorintention (qaṣd) in der klassischen Methodik, etwa bei asch-Schāfiʿī.
Text: Wahrheit und Methode, Teil II, Abschnitt II.1–2 (Rehabilitierung von Autorität und Tradition; wirkungsgeschichtliches Bewusstsein), Gesammelte Werke Bd. 1.
Leitfrage: Ist das Vorverständnis eine zu überwindende Verzerrung oder die positive Bedingung der Möglichkeit von Verstehen überhaupt?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Verhältnis von Tradition (turāṯ) und Verstehenshorizont in der Geschichte der Koranauslegung sowie, auf christlicher Seite, Gadamers eigene Auseinandersetzung mit der protestantischen Hermeneutik Bultmanns als Vergleichsfolie.
Text: Gadamer, Wahrheit und Methode, Teil II, Abschnitt II.3 (Anwendung, Horizontverschmelzung), zusammen mit Bettis Kritik in Die Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften (Kanon der Autonomie des Objekts).
Leitfrage: Lässt sich, wie Betti fordert, ein vom Interpreten unabhängiger objektiver Sinn methodisch sichern, oder ist, wie Gadamer einwendet, Anwendung selbst konstitutiver Teil jedes Verstehens?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Spannung zwischen tafsīr bi-l-maʾṯūr, das sich auf überlieferte Auslegung stützt, und tafsīr bi-r-raʾy, das interpretatorischen Spielraum eröffnet, gelesen als islamisches Pendant zum Streit zwischen Betti und Gadamer.
Text: L'ordre du discours / Die Ordnung des Diskurses (Antrittsvorlesung Collège de France 1970), vollständig, ergänzend Auszüge aus L'archéologie du savoir zu den Diskursformationen.
Leitfrage: Unter welchen institutionellen Ausschließungsverfahren — Verbot, Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn, Wille zur Wahrheit — wird eine Aussage überhaupt als sagbar und zuständig anerkannt?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Institutionelle und epistemische Bedingungen exegetischer Autorität, die Frage, wer im Feld der Koranauslegung legitim sprechen darf (iǧāza, isnād, Schulzugehörigkeit) und wodurch diese Legitimität historisch hergestellt wird.
Text: Qu'est-ce qu'un auteur? / Was ist ein Autor? (Vortrag 1969), vollständig.
Leitfrage: Welche diskursive Funktion erfüllt die Zuschreibung eines Textes an einen Autornamen, unabhängig davon, ob dieser Name auf eine reale Person verweist?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Spannung zwischen göttlicher Urheberschaft des Korans und der diskursiven Autorfunktion, die exegetische Schulen und einzelne Exegeten innerhalb der Auslegungsgeschichte tatsächlich einnehmen, sowie Parallele zur Frage der biblischen Verfasserschaft in der historisch-kritischen Bibelwissenschaft seit Spinoza.
Text: Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen (1916), vollständig, Gesammelte Schriften Bd. II.1.
Leitfrage: In welchem Verhältnis steht die menschliche, mitteilende Sprache zu einer nicht-instrumentellen, namengebenden Sprache, und was bedeutet Benjamins Rede vom Sündenfall der Sprache als Übergang zum bloßen Zeichen?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Frage der Unnachahmlichkeit des Korans (iʿǧāz) und des Verhältnisses zwischen Offenbarungssprache und menschlicher Sprache, gelesen im Licht von Benjamins Unterscheidung zwischen mitteilender und reiner Sprache, mit Seitenblick auf das johanneische Logos-Konzept als christliches Vergleichsmodell.
Text: Die Aufgabe des Übersetzers (1923), vollständig, ergänzend Thesen I, V und XIV aus Über den Begriff der Geschichte (Jetztzeit, Eingedenken).
Leitfrage: Was leistet Übersetzung jenseits der Wiedergabe von Inhalt im Hinblick auf die reine Sprache, und in welchem Verhältnis steht ein Text zu seiner Lesbarkeit in einem späteren Jetzt?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Frage der Übersetzbarkeit beziehungsweise grundsätzlichen Unübersetzbarkeit des Korans im liturgischen Gebrauch sowie das Konzept des tadabbur als Aktualisierung der Schrift im Moment der Lektüre, gelesen parallel zu Benjamins Jetztzeit.
Text: Islam and Modernity: Transformed Intellectual Tradition (1982), Kapitel 1–2, sowie die Einleitung zu Major Themes of the Qur'an (1980).
Leitfrage: Wie lässt sich, ohne in reinen Historismus oder reinen Literalismus zu verfallen, von der partikularen Lebenswelt des 7. Jahrhunderts zu einer für die Gegenwart geltenden Norm zurückbewegen — Rahmans double movement vom Konkreten zum Allgemeinen und zurück?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Direkte Rückbindung an die in Sitzung 4 gelesene Applikationsproblematik bei Gadamer, deren Rahman explizit aufnimmt, sowie Vergleich mit der uṣūl al-fiqh-Unterscheidung von ʿilla (Rechtsgrund) und ḥukm (Norm).
Text: Abū Zaid, Mafhūm an-Naṣṣ: Dirāsa fī ʿUlūm al-Qurʾān (1990), Auszug zur These naṣṣ insānī (der Koran als sprachlich-kulturelles Produkt seines historischen Kontexts); Soroush, Qabḍ va Basṭ-e Teorik-e Šarīʿat (1988, engl. The Expansion of Prophetic Experience), Auszug zur Unterscheidung von Religion und religiösem Wissen.
Leitfrage: Wenn religiöses Wissen, wie Soroush argumentiert, notwendig durch außerreligiöses Wissen bedingt und veränderlich ist, und der Korantext, wie Abū Zaid argumentiert, sprachlich ein humanes Produkt ist, was bleibt dann die Differenz zwischen Offenbarung und Auslegung?
Bezug zu den Islamischen Textwissenschaften: Abschließende Rückbindung an die Sitzung zu Kontext/siyāq und an Spinozas Eröffnungssitzung; Diskussion, ob und wie sich die in den Sitzungen 1 bis 8 entwickelten westlichen Hermeneutiken in Abū Zaids und Soroushs Positionen wiederfinden lassen, und wo deren islamische Rezeption eigene Akzente setzt.
Organisation und Anmeldung
Die Lektüregrundlage des Lektürekreises wird zur organisatorischen Kohärenz durch Prof. Dr. Tuğrul Kurt und Mehmet Alper Kalafat im Voraus festgelegt und den Teilnehmenden vor den Sitzungen als Reader zur Verfügung gestellt. Jede Sitzung konzentriert sich auf eine Figur und einen Text; bei den Figuren mit zwei Sitzungen kann der zweite Termin je nach Diskussionsverlauf der ersten Sitzung leicht angepasst werden. Im Rahmen dieser Festlegung werden Textvorschläge gerne aufgenommen; Einladungen sowie die übergeordnete Koordination erfolgen über die Leitung des Lektürekreises.
Der Lektürekreis findet zweiwöchentlich freitags in hybrider Form statt. Eine Sitzung umfasst mehrere thematische Einheiten von jeweils etwa 90 Minuten und findet üblicherweise zwischen 14:00 und 18:00 Uhr statt.
Veranstaltungsort: Institut für Islamisch-Theologische Studien, Schenkenstraße 8—10, 1010 Wien, EG 003.
Die Sitzungen richten sich an alle wissenschaftlich Interessierten innerhalb und außerhalb der Universität Wien. Eine Teilnahme ist sowohl in Präsenz als auch über Zoom möglich. Zur gemeinsamen Arbeit wird ein Moodle-Kurs eingerichtet, über den Literatur, Texte und organisatorische Informationen zugänglich gemacht werden.
Anmeldung und Rückfragen: mehmet.alper.kalafat(at)univie.ac.at
Organisation und Kontakt
Tuğrul Kurt
Wissenschaftliche Leitung
Professur für Islamische Theologie, IITS, Universität Wien
Persönliche Website
ORCID
u:cris
Google Scholar
Mehmet Alper Kalafat
Projektmitarbeiter
Institut für Islamisch-Theologische Studien, Universität Wien
ORCID
u:cris